Ina - ein ganz normales Mädchen
Ina ist ein Mädchen im Rollstuhl. Früher ging sie in eine Schule für Behinderte. Dort waren 11 Kinder in einer Klasse. Es gab Rampen für die Rollstühle, Lifts und vor allem einen Hausmeister, der mal einen Reifen am Rollstuhl reparieren konnte. Seit zwei Jahren besucht sie eine "normale" Realschule.
"Du kannst dir ja nicht selber helfen!" Wer das zu Ina sagt, muss schnell umlernen. Denn das Mädchen im Rollstuhl ist nicht hilflos. "Wer mich ärgert, dem fahr ich in die Hacken. Dann guckt er ganz dumm!" Ina ist 13 Jahre alt und von Geburt an gelähmt. Vom Bauchnabel abwärts kann sie nichts fühlen. Ihre Beine kann sie nicht bewegen. Aber hilflos ist Ina nicht! Zum Glück ärgert sich Ina nicht so oft. Sie ist froh, dass sie die Schule gewechselt hat. Früher musste sie Rücksicht auf Schwächere nehmen. Es war oft langweilig für Ina, weil sie mit dem Lernstoff nicht weiterkam. Jetzt ist das ganz anders In ihrer Klasse sind 32 Kinder. "Das war am Anfang ganz schön aufregend und eine große Umstellung. Zuerst haben mich alle ausgefragt und wollten alles wissen. Dann haben wir uns kennen gelernt und die anderen haben mir geholfen. Das hat sich bis heute nicht geändert." Die Hilfe ihrer Klassenkameraden kann Ina gut gebrauchen: zum Beispiel, wenn sie die schweren Schultüren aufhalten, ihr einen Stift aufheben oder einfach den Rollstuhl schieben. Aber nicht zu schnell! Einmal ist sie mit ihrem Rollstuhl in Brennnesseln gefallen. Sie war zu schnell um eine Kurve gefahren.
Ina hat viel Spaß am Lernen. Ihr Lieblingsfach ist Englisch. Leider kann Ina nicht an allen Unterrichtsstunden teilnehmen. Zu manchen Räumen kommt man nur über Treppen. Während der Physikstunden muss sie allein im Klassenzimmer bleiben. Sie bekommt dann Aufgaben und lernt. Auch zum Kunstunterricht kann sie nicht. Eine Freundin bleibt bei ihr und sie malen und basteln zusammen. Ina hofft, dass das bald besser wird. Lifts sind bereits geplant. Am Sportunterricht kann sie nie teilnehmen.
Nach sechs oder sieben Stunden ist die Schule zu Ende. Der Schulbus bringt sie nach Hause. Manchmal ist der Bus mit der Rollstuhl-Rampe kaputt. Dann muss der Fahrer sie in einen Ersatzbus heben. Aber das passiert nicht oft. Nach dem Mittagessen ruht sich Ina eine Stunde aus. Die Schule ist anstrengend und den ganzen Tag im Rollstuhl sitzen auch. Am liebsten legt sie sich mit einer Decke und einem Kissen auf den Fußboden. Das ist gemütlich; und wenn sie etwas braucht, kann sie überall hinrutschen.
In den Rollstuhl, aus dem Rollstuhl, anziehen, ausziehen, in die Badewanne, auf die Toilette, da hilft die Mutter. "Ein richtig gutes Team sind wir", sagt Ina. Sie weiß, dass sie später alles allein machen muss. Im Moment geht das aber nicht. Vor einem Jahr hatte sie eine schwere Operation am Rücken. Bei manchen Bewegungen muss sie vorsichtig sein. Nicht mehr lange, hat der Arzt gesagt.
Doch immer wird es Dinge geben, die schwer sind für Ina. Einkaufen im Supermarkt zum Beispiel. Alles steht in hohen Regalen. An die oberen Fächer kommt sie nicht heran. Oder im Kaufhaus Kleider anprobieren. Sie kann nie einfach in den Bus steigen, um zu ihrer Freundin zu fahren. Darum freut sich Ina, wenn Freunde zu ihr kommen. Die bringen dann Spiele mit und zusammen machen sie sich einen schönen Nachmittag.
Wenn kein Besuch kommt, hat Ina Zeit zum Flötespielen. Bei gutem Wetter spielen sie Tischtennis. Auf die Terrasse fahren ist kein Problem. Ihr Vater hat das Haus umgebaut. Im Erdgeschoss gibt es keine Treppen oder andere Hindernisse und das Bad ist riesengroß. Dort steht auch eine Liege. So kann sie in die Badewanne oder auf die Toilette rutschen. Nur zu ihrem Bruder kommt sie nicht. Der wohnt eine Etage höher. "Ich wünsche mir, dass ich mehr machen kann. Aber dann sage ich mir, dass es nicht geht." Ina weiß noch nicht, was später kommt. Sie hat keine Lust, darüber nachzudenken. "Ich bin zufrieden. Ich kenne nichts anderes."
jMariaMagdalena